Wozu der Carsharing-Watchblog?

Wenn Du einer von vielen Menschen bist, die bereits unangenehm in Kontakt mit Car2Go oder DriveNow-Fahrern in einer deutschen Großstadt gekommen bist, kannst du deine Erfahrungen bzw. den konkreten Vorfall hier melden. Auf dieser Seite werden Kritik und Unfälle gesammelt und prägnant aufbereitet dargestellt.

Du wurdest also schon einemal (fast) über den Haufen gefahren, wurdest mit dem Fahrrad abgedrängt oder bei einer bequemen Fahrt durch die Stadt mit quietschenden Reifen von einem BMW-Mini oder einem Smart überholt? Du hast dich über einen Mietwagen gewundert, der mit 80 Km/h durch die Stadt rast oder wild kreuz und quer auf den Gehwegen parkt? Vermutlich einer von über eine halbe Million DriveNow-Fahrern – oder einer von vielen Car2Go-Fahrern.

Das Problem

Das Grundproblem dieser Carsharing-Anbieter ist das Tarifmodell, das die Fahrer zum Rasen zu animieren scheint. Abgerechnet wird nämlich exakt nach Anzahl der genutzten Minute (siehe auch hier). Dies führt mutmßlich zu dem aggressiven und rücksichtslosen Verhalten.
Zudem verstopfen die Wagen zunehmend die Innenstädte und in vielen Fällen nehmen die Fahrer auch keine Rücksicht auf Halte- oder Parkverbote. Daneben bleibt die Frage, ob Carsharing überhaupt gut für die Umwelt ist. Der individuelle, motorisierte Personennahverkehr ist deutlich ressourcenaufwändiger und umweltbelastender, als der öffentliche Personennahverkehr mit Straßenbahnen, U-Bahnen usw. Und natürlich noch viel belastender als der Fahrradverkehr, der für eine Großstadt eigentlich das Hauptverkehrsmittel sein sollte. Der Elektro-Mobil-Hype sollte auch im Carsharing-Bereich kritisch betrachtet werden, zumal viele Elektroautos mit Kohle- und Atomstrom geladen werden und bei der Produktion des Autos und der Akkus eine massive Umwelt- und Klimabelastung entsteht. Das Auto hat als Verkehrsmittel vor allem für Ländliche oder peripher gelegene Orte eine hohe Bedeutung. Es sollte aber für das Fahren in der Stadt nur für Transporte genutzt werden, oder um aus der Stadt heraus- und wieder hereinzukommen. Wie schön, sauber und wundervoll still könnten unsere Städte sein, wenn wir die hälfte aller Straßen dadurch begrünen und verkehrsberuhigen könnten?

Streßfahren nach Minuten

Das Tarifmodell nach Minuten paßt scheinbar gut in unsere neoliberale Leistungsgesellschaft, in der „Zeit Geld ist“ und in welcher der ausgefahrene Ellenbogen als Werkzeug zwischenmenschlicher Interaktion zum Standard wird. Dies bekommen inzwischen auch Verkehrsteilnehmer anderer Verkehrsmittel zu spüren. Friedfertige und entspannte Fahrradfahrer in Berlin etwa können wohl ein Lied davon singen.
Im Gegensatz zum Fahrrad ist die Nutzung eines Carsharing-Autos aber in der Regel desto teurer, je länger es gefahren wird. Dies treibt die Fahrer zusätzlich an. Im Internet finden sich hier und da bereits Berichte über die Rücksichtslosigket von vor allen Dingen Car2Go- und DriveNow-Fahrern in Deutschland. Etwa in diesem Forum, hier oder hier. Zu erwähnen sind auch Medienberichte aus der Süddeutschen Zeitung und der Welt über illegale Autorennen mit DriveNow-Autos. In einem Forum formuliert der Nutzer Mecki sehr treffend zur Thematik:

Da kommt also alles schlechte zusammen:
Übermütige junge Erwachsene, ohne eigenes Auto, mit wenig Fahrpraxis, kriegen ein PS starkes Gefährt, das ihnen aber nicht gehört und zum dem sie daher keine „Beziehung“ haben und damit kurven sie jetzt durch total überfüllte Großstädte mit zunehmend komplexer Verkehrsführung, an der schon oft erfahrene Autofahrer verzweifeln.

Neben Car2Go und DriveNow gibt es auch weitere Anbieter, die Mietwagen für kurze Zeiträume vermieten. Zu diesen zählt etwa auch der Dienst Flinkster von der Deutschen Bahn. Flinkster ist aus unserer Sicht nicht ganz so kritisch zu bewerten, zumal hier der Kunde mindestens stundenweise, nicht aber nach Minuten zahlt.

Die Zeitung „Die Zeit“ hat im dazugehörigen Zeit-Magazin ausführlich über diesen Carsharing-Watchblog berichtet. In einem „Wutausbruch“ äußerst sich der Autor Jörg Burger dort über die Aggressivität im grostädtischen Autoverkehr, die durch Carsharing-Modelle weiter gefördert werde. Im  MDR-Sachsenspiegel (ab 1:01) wurde der Autor des Carsharing-Watchblogs Anfang Februar 2018 interviewt.
Kritik kommt zum Teil auch von wissenschaftler Seite. Etwa vom Geographen Stefan Weigele, der Carsharing als „Bequemlichkeitsmobilität“ bezeichnet, die vielfach als Ersatz für Fahrrad oder ÖPNV genutzt werde. Dies ist besonders aus ökologischer Perspektive ein Problem, denn eigentlich sollten Carsharing-Angebote ja für weniger Autoverkehr sorgen, um die Städte für ihre Einwohner gesünder zu machen (weniger Lärm, Streß, Abgase und Unfallgefahren). Auch sollte der Ressourcenverbrauch durch das Teilen von Autos reduziert werden, was offenbar nicht unbedingt der Fall ist.

Carsharing als Wachhstumsmarkt

Heute (Anfang 2018) dürften hierzulande bereits deutlich über die 5 Mio. Personen bei Carsharing-Diensten angemeldet sein. bei der Firma DriveNow allein waren im Oktober 2017 1 Mio. Menschen angemeldet, und bei Car2Go 2,7 Mio (weltweit – in Deutschland allein unter 1 Mio. Stand Feb 2018).

Die PR-Strategen von DriveNow stellen die Firma und ihre Kunden als urbane Avangarde dar:

DriveNow Carsharing ist das moderne Mobilitätskonzept, das perfekt auf die Bedürfnisse urbaner Menschen angepasst ist und gleichzeitig dafür sorgt, daß das Fahrzeugaufkommen in Deutschlands Großstädten reduziert wird.
(DriveNow | 11.12.16)

Das Konzept mag auf die Bedürfnisse von Liebhabern der Raserei optimal zugeschnitten sein, die Bedürfnisse des Großteils der Stadtbevölkerung sind DriveNow und Car2Go aber offensichtlich egal. Sonst würden sie das Modell der minutengenauen Abrechnung nicht anwenden. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder des Fahrrads belästigt die anderen Stadtbewohner nachweislich weit weniger als der motorisierte Individualverkehr – erst recht, wenn er so aggressiv stattfindet wie im Rahmen von DriveNow. Wieder die Selbstdarstellung:

Mit dem BMW i3 öffnest du ein neues Kapitel urbaner Mobilität. Perfekt auf das pulsierende Leben in der Großstadt zugeschnitten ist er nicht nur komplett frei von antriebsbedingten Emissionen, sondern bietet auch ein unvergleichbar dynamisches und nahezu lautloses Fahrerlebnis. (DriveNow |11.12.16)

Die Worte „pulsierend“ und „unvergleichbar dynamisch“ sind von den DriveNow-Werbestrategen sicherlich nicht ganz zufällig gewählt. Dynamisch kann etwa in wilde Raserei uminterpretiert werden und pulsierend klingt auch eher nach anstrengendem Stadtverkehr, als nach Erholung und Frieden für die motorisierten und vor allem nicht-motorisierten Mitmenschen und Einwohner.

Die Kehrseite der übermotorisierten Carsharing-Autos ist anhand der übermäßigen Zahl von Verkehrsunfällen und Vorfällen rowdihaften Verhaltens abzulesen. Inzwischen gibt es sogar spezielle juristische Dienstleister, die sich auf verkehrsrechtliche Verstöße bei Carsharing-Autos und Carsharing-Unfälle spezialisiert haben. Zudem wird die Kritik am minutengenauen Abrechnungssystem inzwischen lauter (siehe hier, hier und hier).

Der Carsharing-Watchblog

Der Carsharing-Watchblog ist ein Unterprojekt des neoliberalismuskritischen Internetblogs Neoliberalyse.de. Es geht um die Kritik an einer Welt, in der alle Lebensbereiche nach rein ökonomischen Prinzipien organisiert werden. Beschrieben ist diese bedenkliche Entwicklung ausführlich  im Buch „Neoliberalyse – über die Ökonomisierung unseres Alltags (Wien, 2014).
Der Autor wehrt sich dagegen, daß unser aller Leben (und wir gleich mit) den Dogmen der Leistungs- und Ellenbogengesellschaft unterworfen werden. In Opposition zu diesem Paradigma wird eine massive Entschleunigung und ein radikaler Abbau gesellschaftlicher Zwänge gefordert (wie etwa auch hier). Eine solche Entschleunigung müßte eigentlich staatlich gefördert werden, anstatt die Geschwindigkeit und den Druck immer weiter zu erhöhen.

Was wir sehen ist aber leider, daß es nur um Wirtschaftswachstum geht, dem alle anderen gesellschaftlichen Ziele und menschlichen Bedürfnisse untergeordnet werden. Auch das Carsharing ist letztlich nur ein Markt und die Umwelt ist den Akteuren die es vorantreiben egal. Der Umweltschutz wird lediglich als Marketingvehikel verwendet und es wird dabei verschwiegen, daß Bus und Bahn  sowie das Fahrrad viel umweltfreundlicher sind und die Lebensqualität weniger stark verschlechtern, als der indivudualisierte Personennahverkehr mit Autos. Zu allem Überfluß haben die größten Carsharing-Anbieter DriveNow (BMW) und Car2Go (Daimler) stark übermotorisierte Autos im Angebot (nur Raser und Verkehrsrowdies benötigen im Stadtverkehr 60+ kw und 220 Km/h Höchstgeschwingikeit). Sogar der Smart bekommt in den letzten Jahren immer größere Motoren.
Die Ökonomisierung findet im Bereich von Carsharing aber vor allem dadurch statt, daß nach Minuten abgerechnet wird. So wird Streß erzeugt und die Fahrer fühlen sich ermutigt oder genötigt, zu drängeln und zu Rasen. Das ist nicht nur schlecht für die Fahrer selber, sondern vor allem auch für ihre Mitmenschen, die dadurch gefährdet werden.

Wir lassen nicht zu, daß aggressive Minuten-Mietfahrer den Verkehr in unseren Städten noch gefährlicher machen, als er bereits ist. Wir fordern unseren Seelenfrieden sowie die Freiheit, uns weiterhin entspannt durch unsere Städte bewegen zu können, ohne sich andauernd umschauen zu müssen, um nicht angefahren zu werden!

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5 Kommentare zu "Wozu der Carsharing-Watchblog?"

  1. Ich empfehle „klassisches CarSharing“.
    Es wurde entwickelt als Ersatz für das eigene Auto und Ergänzung des ÖPNV dort, wo man ohne Auto nicht weiterkommt.
    Seit über 25 Jahren bewährt – leider halt nicht „pulsierend und dynamisch“, sondern zweckmässig.
    Anbieter sind z.B. Cambio, Stadtmobil oder lokale Vereine/Firmen.
    Hilfreich zum Auffinden der „klassischen CarSharer“ ist die Website des BCS – carsharing.de
    Die dort organisierten Anbieter wollen alle – übrigens in enger Kooperation mit den Verkehrsverbünden –
    nicht mehr pulsierende und dynamische Autos auf die Strassen bringen, sondern weniger Individualverkehr.
    Diese Ziele sind nicht unbedingt im Interesse von Tochterfirmen der Automobilkonzerne…

  2. Mir geht es auch so. Dieser Kostendruck! Pauschal wäre besser.

  3. norbert enneking | 29. April 2017 um 1:10 | Antworten

    Fahre jetzt seit zwei Jahren mit Drive-Now und kann es nur bestätigen, dass mich das „Minutenabrechnen“ unter Druck und Stress setzt und auch dazu verleitet schnell zu fahren. Merke jedes Mal, wenn ich mir auf anderen Portalen für einen ganzen Tag ein Auto ausgeliehen habe, wie entspannt und stressfrei ich dann hinterm Steuer sitze und seelenruhig mich dem sonstigem Verkehr anpassen kann.

  4. Meiner Meinung nach geht es nicht nur um DriveNow!
    Auch mit Fahrzeugen der anderen Anbieter (um das mal wertfrei zu benennen) wird ähnlich gerast, rote Ampeln überfahren, durch Spielstraßen geflitzt, gewagte Überholmanöver und und und… Ich selbst war zum Beispiel in einen Unfall verwickelt, weil ein Car2GO nachts ohne Licht viel zu schnell unterwegs war und kurz hinter einer Kreuzung eine Vollbremsung hinlegte, dass nachfolgende Autos aufeinander krachten…
    Es gilt aus meiner Sicht also das Konzept dieser Art von CarSharing insgesamt zu kritisieren und zu verändern. Es liegt nicht an „diesem BMW“ sondern an den Menschen, die diese Umstände schaffen und an den Menschen, die diese Umstände nutzen.

    • Hallo Stemi, vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Blogtitel nun entsprechend geändert. Schildere gerne noch Deine konkrete Erfahrung mit dem Unfall mit einem Datum versehen, dann nehmen wir das hier auf! Das Datum kann ja auch in der Vergangenheit liegen…. Viele Grüße

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